Die HausbesetzerInnenbewegung in Ost-Berlin, Teil2

Während im ersten Teil im wesentlichen über Entstehung und Verlauf der Besetzerbewegung und die Vertragsverhandlungen, die ein wesentlicher Bestandteil wa­ren, berichtet wurde, soll es in diesem Teil speziell um zwei zentrale Themen innerhalb der damaligen Häuserbewegung in Ostberlin gehen. Zum einen um die Abwehr faschistischer Angriffe und antifaschistischen Gegenaktionen und zum anderen um die „Besetzer-InnenZeitung" (BZ), die als quasi Verlautbarungs- und Diskussionssblatt wenigstens zeitweise eine zentrale Rolle innerhalb der Besetzerszene einnahm, dadurch aber auch ihr Spiegelbild war.

Naziüberfälle auf besetzte Häuser und Antifaschistische Gegenwehr

Nach einem Spiel des BFC Dynamo: rechte Hools und Nazis posieren vor dem besetzten Haus Schönhauser Allee 20/21Nach einem Spiel des BFC Dynamo: rechte Hools und Nazis posieren vor dem besetzten Haus Schönhauser Allee 20/21. Im Kreis mit Pfeil: Christian Franke; damals Führungskader der Berliner Nationalistischen Front.
Quelle: Zeitschrift telegraph

Von Anfang an waren die besetzten Häuser in Ostberlin Angriffsziel für Faschisten und Fußballhooligans. Während es fast nach jedem Heimspiel des BFC (Fußball-Club-Berlin) zu spontanen, kaum organisierten und leicht abzu­wehrenden Angriffen auf besetzte Häuser im Prenzlauer Berg kam, wurden in Mitte und Friedrichshain Häuser oft gezielt und organi­siert in der Nacht oder am frühen Morgen angegriffen.

Die nachfolgenden Vorfälle sollen die Zustände von damals deutlich machen, und sind nur ein kleiner Auszug: In der Nacht des 4. April 1990 überfielen 12 Nazis in einer, anschei­nend mit langer Hand geplanten Aktion ein besetztes Haus in der Kreuziger Straße. Die mit Gasmasken ausgerüsteten Nazis versprühten CS-Gas und schlugen eine Bewohnerin Krankenhausreif.
Am 5. und 6.4. griffen Nazis die besetz­ten Häuser in der Adalbertstraße an und zer­schmissen Fensterscheiben. Pikanterweise wurde die Häuser am 14.4. von der VP vorüber­gehend mit der Begründung geräumt, sie stell­ten Angriffsziele der Faschisten dar.
Am 20. April 1990 zogen etwa 500 bis 600 Skinheads und Hooligans, nach einem Fußballspiel des FC Berlin gegen 18.00 Uhr vor das besetzten Haus Schönhauser Allee 20/21. Dort hielten sie an, riefen „Rote raus" und „FAP". Die Polizei ging gegen sie mit Schlag­stöcken vor und trieb die Hooligans in Richtung Alex.

Am 26.5.1990 versuchten ca. 300 rech­te Skinheads und Hooligans nach einem Punkt­spiel des FC Berlin (BFC) einen Überfall auf das besetzte Haus Lottumstr. 10a im Prenzlauer Berg. Die Bewohner waren jedoch vorbereitet und schlugen den Angriff nach kurzer Zeit zurück.
Am 1. Juni überfielen Faschisten das Kunsthaus Tacheles (ehemals Camera-Kino) in der Oranienburger Straße. Sie hatten keine große Mühe, die Cafe-Tür aufzubrechen und brutal gegen die Besetzer vorzugehen. Eine Frau wurde von einem Molotow-Coktail getrof­fen und mußte in ein Krankenhaus eingeliefert werden.

Aufgrund schlampigen Wachdienstes konnten sich in der gleichen Nacht in das be­setzte Haus in der Kastanienallee 86 einige Nazis erschleichen, die Gashähne in einer leerstehenden Wohnung aufdrehen und die Wände mit „Rote verrecke" beschmierten.
Am Samstag, den 2. Juni, versuchten die Faschisten und Hooligans, scheinbar er­muntert durch die 'Erfolge' in der Nacht, ein Straßenfest in der Kreuziger Straße anzugrei­fen. Als die Besucher des Festes die Hooligans in die Flucht schlugen, ging die Polizei dazwi­schen, lud einige Kinder-Hooligans und einige Straßenfestbesucher aus den besetzten Häu­sern auf LKWs und brachte sie zur Personalien­feststellung in eine Schule.

Volkspolizisten schützen das besetze Haus Schönhauser Allee 20/21, vor einem Nazi-ÜberfallParadoxie des sich Wendens: Volkspolizisten schützen das besetze Haus Schönhauser Allee 20/21, vor einem Nazi-Überfall
Quelle: Zeitschrift telegraph

Durch die massiven Attacken der Nazis wurden die besetzten Häuser sofort zum Hort von antifaschistischem Widerstand. Jedoch re­duzierte sich dieser Antifaschismus meist ledig­lich auf die unmittelbare Abwehr von Nazi-Überfällen und stellte keinen kontinuierlichen Kampf gegen Faschismus dar. Die meisten Besetzer hatten überhaupt kein Interesse an theoretischer oder inhaltlich tiefgreifender Antifa-Arbeit. Zwar wurde und wird von West-Besetzern, besonders aus dem Stadtbezirk Friedrichshein, behauptet, daß sie unter der Führung der Leute in der Mainzer Straße über­haupt erst den Kampf gegen die Faschisten aufnahmen, während angeblich die Antifas aus dem Osten zu dumm gewesen wären und die Westberliner Antifas keine Lust gehabt hätten. Ein bösartiger Unsinn, der sich jedoch leider bis heute hält.

So hefteten sich die ehemaligen Be­wohner der Mainzer Straße auch die Organisie­rung der Antifa-Demo gegen das Nazi-Haus in der Lichtenberger Weitlingstraße ans Jackett. Dies war allerdings alles andere als ihr Ver­dienst. Zwar waren sicher auch Besetzer aus Friedrichshain und aus der Mainzer bei diesen oder jenen Treffen, doch trugen den Löwenan­teil der Organisierung und Durchführung ver­schiedenste Antifa-Zusammenhänge aus bei­den Stadtteilen.
Wesentlichen Anteil hatten Mainzer-Leute tatsächlich dann an der Randale, die gegen jede Absprache vor dem Ende der Demo vom Zaun gebrochen wurde und dazu beitrug, der Presse und rechten Parteien ausreichend Stoff zur Hetze und Diskreditierung der Demo zu geben.

Das Nazi-Haus in der Lichtenberger Weitlingstraße und die Antifa-Aktionen dagegen

Ein heiliges Tabu wurde gebrochen: Ostnazis besetzen das Haus Weitlingstraße 122, in Berlin-LichtenbergEin heiliges Tabu wurde gebrochen: Ostnazis besetzen das Haus Weitlingstraße 122, in Berlin-Lichtenberg
Quelle: Zeitschrift telegraph

Ab etwa Februar 1990 besetzten Ostberliner Nazis der neugegründeten „Nationalen Alter­native" (NA) mehrere Häuser in der Lichten­berger Weitlingstraße. Von nun ab war ein Tabu innerhalb der rechten Szene gebrochen und Hausbesetzung nicht mehr allein Privileg links­orientierter Kräfte. Während das Haus Weitlingstr. 122 die wesentliche Zentrale dar­stellte, wurden die Häuser 115,117 und Lückstr. 24 lediglich von Kids aus dem Umfeld der Lichtenberger Nazis frequentiert. Über einen Tarnverein namens „Wosan e.V." verhandelte die NA mit der Kommunalen Wohnungs­gesellschaft (KWV) und erlangte bereits am 20.04.90 Vertragsabschlüsse. Obwohl bereits seit März 1990 ein Ermittlungsverfahren gegen die NA eingeleitet worden war. Diese Häuser wurden schon bald zur Ausgangsbasis für die Osterweiterungspläne der faschistischen Sze­ne um den westdeutschen Naziführer Michael Kühnen. Schnell häuften sich propagandisti­sche und gewalttätige Aktionen in Ostteil Ber­lins sowie im gesamten Umland der Stadt. Fast ständig gaben sich führende Nazis in der Weittingstraße die Klinke in die Hand.

Die Besetzung gerade dieser Häuser hatte einen historischen Hintergrund. Bereits 1986 wurden sie schon einmal von Nazis be­setzt. Damals waren diese Wohnungen vorran­gig an ehemalige Strafgefangene vergeben. Jedoch standen oft Wohnungen leer, weil Be­wohner wieder ins Gefängnis kamen oder un­bekannt verschwanden. In diese Wohnungen zogen damals Nazis ein und hielten die übrigen Bewohner über längere Zeit durch Gewalt unter Kontrolle. Aus Furcht vor Schlägen trauten sie sich nicht Anzeige zu erstatten. Erst durch die Anhäufung von Anzeigen und Beschwerden von Anwohnern andere Häuser sah sich die Stasi (wie jede ordnungsliebende Behörde ein wenig blind nach rechts) genötigt, die besetzten Wohnungen zu räumen und die rechten Besetzer kurzzeitig festzunehmen.

Mit dem zunehmenden Terror, der von den Nazi-Häusern ausging, regte sich mehr und mehr Widerstand. Etwa im Mai 1990 schlos­sen sich Menschen aus Lichtenberg und Antifas aus beiden Teilen Berlins zusammen, um ei­nen organisierten Widerstand in Lichtenberg zu entwickeln. Es wurden. verschiedenste Propagandaaktionen gegen die rechten Hausbesetzer durchgeführt. Von Flugblatt- und Briefkastenaktionen über Plakat- und Sprüh­kampagnen, bis hin zu fast täglichen militanten Aktionen direkt gegen die Häuser der Nazis. An diesen Aktivitäten beteiligten sich zunehmend auch Hausbesitzer aus Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain. Nach einer Spontandemonstration von knapp 100 Leuten als Reak­tion auf den Überfall aufs Kunsthaus Tacheles, die direkt zu den Häusern in der Weitlingstraße führte, wurde als nächster Schritt beschlossen, eine große antifaschistische Bündnisdemon­stration gegen die Nazi-Häuser zu organisieren.

Die antifaschistische Demonstration gegen das besetzte Nazi-Haus in Berlin Lichtenberg

Die Antifademo in LichtenbergDie Antifademo in Lichtenberg begann so ...
Quelle: Zeitschrift telegraph

Von rechts bis links boten die großen Zeitungen am Montag nach der Demo ihren Lesern das gleiche: „Die blutige Schlacht der West-Chao­ten" (Bild), „400 Radikale inszenierten blutigen Krawall" (ND), „Extremistische Krawalle nach antifaschistische Demonstration" (Berliner Zei­tung), „Am Ende siegte nur der Haß (Junge * Welt). Derartige Ergüsse waren der Höhepunkt i de/ Pressekampagne, mit der schon im Vorfeld versucht wurde, die Demo zu diskreditieren, l Auch seitens der zuständigen Regierungsstellen wurde vorher alles versucht, um die De­monstration zumindestens einzudämmen. Erst versuchte der Stadtbezirksbürgermeister, die Route umzulegen, sie in die Seitenstraßen oder wenigstens möglichst weit weg von dem Grund der Demonstration zu drücken. Als das nicht klappte, wurden 2500 Volkspolizisten zusammengezogen, und das Gebiet um die Weit­lingstraße wurde weiträumig abgeriegelt.

Trotz umfangreicher Vorbereitungen und 41 Unterstützergruppen von Autonomen, Antifa Gruppen bis hin zu Grünen, Vereinigte Linke, Jugendorganisationen, war die Demo zu ca. 90 % durch das autonome Spektrum ge­prägt. Sehwarze Kleidung, vermummte Ge­sichter, Helme, optische Demoausrüstung aus jahrelanger Erfahrung mit Polizei und Kameras im Westen, aber auch der Angst vor den Faschi­sten. Die Vertreter und Unterstützer aus dem Bürgerbewegungs- und Parteienspektrum glänzten durch Abwesenheit. Wie auch heute immer wieder zu merken ist, heißt das in diesen Organisationen, ein Aufruf mit zu unter­stützen, nicht automatisch, selbst zu mobilisie­ren, geschweige denn, persönlich zu erschei­nen. Politikern solcher Organisationen ist of­fensichtlich die Unterschrift unter einen Aufruf antifaschistisches Bekenntnis genug. Folglich kamen lediglich 5000 Menschen, obwohl es gut und gerne Zehntausende hätten sein können. Das Ergebnis des Ganzen war ein sich militant gebärdender Schwarzer Block, der durch Lichtenberg zog und sich, entnervt von langweiliger Latscherei, mit gelegentlichen, voll­mundigen und kampflüsternen Parolen gegen Nazis und Polizei, halbwegs bei Laune hielt. Ein nicht unbeträchtlicher Teil fieberte dem Ende der Demo und dem erhofften Show-Down mit den Nazis oder zumindestens mit den Vopos entgegen. Doch dieses Ende wurde erst gar nicht abgewartet. An der dem Nazihaus am nächsten gelegenen Polizeisperre, einige hun­dert Meter vor dem Abschlußpunkt der Demo, hielt es die Straßenkämpfer nicht mehr in den Ketten. Etwa 500 „Militante" ließen Demo sein und versuchten, den Volkspolizisten, das zu geben was sie den unerreichbaren Nazis, die auf den sichere Häuserdächern feixend zu­sahen, nicht geben konnten. Allerdings war das auch nur eine Illusion. Nach anfänglicher Irrita­tion seitens der Ost-Polizei, die bis dahin kaum Erfahrungen mit entschlossenen militanten Demonstranten hatte, sich erst einmal zurück­zog und mehrere ihrer LKW's den Molotow-Coktails der Angreifer überließ, schlug sie nur Minuten später die Demonstranten zurück.. Damit war der große Kampf schon beendet. Zum Glück war der größte Teil der Demon­stranten vernünftig genug, die Demonstration zu Ende zu führen.

Das Ende der Antifademo in Berlin-Lichtenberg… und endete so!
Quelle: Zeitschrift telegraph

Richtig ist, daß die militanten Aktionen während der Demonstration zur u. erwähnten Hetzkampagne in den Medien führten. Immer­hin war die Demonstration nicht völlig umsonst gewesen Der Druck gegen das NA-Haus in der Weitlingstraße 122 erhöhte sich zunehmend und trug wesentlich dazu bei, daß dieses Nazi­nest sehr bald aufgegeben werden mußte. Ei­ner der wenigen Erfolge, die durch eine hart­näckige und gruppenübergreifende Antifa-Arbeit erreicht wurde.

Die Besetzer-Zeitung (BZ) Der Versuch, ein freies Medium zu schaffen
oder die auf Papier gedruckte Unfähigkeit vieler Hausbesetzer, selbstorganisiert zu handeln.

Pressearbeit ist ein wichtiger Bestandteil für politisches Handeln in der neuen Gesellschafts­ordnung, das war auch den Hausbesetzern schon von Anfang an bekannt. Während die Schönhauser Allee 20/21 in den ersten Wochen nach ihrer öffentlichen Bekanntmachung keine Probleme hatte, ohne viel eigenes Zutun in den Schlagzeilen zu stehen; war das für die anderen Häuser nicht mehr so selbstverständlich. Nun gibt es zwei Möglichkeiten, Medienöffentlichkeit zu schaffen, entweder indem man intensiv ver­sucht, Kontakte zu Journalisten herzustellen und zu pflegen und dadurch Texte und Erklä­rungen in große bürgerliche Medien zu (ande­ren, oder aber eine eigene Zeitung zu schaffen und zu versuchen, über diese eine eigene Öf­fentlichkeit herzustellen. Während die Hausbesetzer von 1990 Ersteres immer wieder, jedoch nur halbherzig und sehr dilettantisch versuch­ten und nur mäßigen Erfolg damit hatten, wurde von Anfang an das letztere Modell favo­risiert. Bereits Anfang 1990 erschien der Proto­typ. Das „Besetzerinnen-Info-Blatt", mit Hand geschrieben und primitiv auf Ormeg vervielfäl­tigt, hatte sie sehr viel Ähnlichkeit mit DDR- Untergrundzeitungen der achtziger Jahre. Die­ser Ausgabe, in der sich die ersten elf besetzten Häuser mit einer selbstverfaßten Darstellung präsentierten, folgte jedoch erst einmal keine weitere. Etwa Mitte Mai 1990 erschien eine „Haus-Besetzer-Innen Selbstdarstellung", Inder sich sechzehn von fünfzig besetzten Häusern vorstellten.

Ganz im Stil von DDR-Untergrundblättchen: das erste Besetzerinnen-Info-BlattAuf schlechtem DDR-Papier, mit primitiver Ormig-Drucktechnik produziert und kaum lesbar, ganz im Stil von DDR-Untergrundblättchen: das erste Besetzerinnen-Info-Blatt
Quelle: Zeitschrift telegraph

Am 6. August 1990 erschien dann die offizielle 00 Ausgabe der „Besetzerinnen Zei­tung", das offizielle Sprachrohr der Hausbesetzerbewegung. Sie begann einen wirren Weg zwischen Auflagenboom und Bedeutungs­losigkeit, bis sie dann Mitte 1994, endgültig bedeutungslos geworden, sang und klanglos verschwand. Bis dahin wurde viermal das Kon­zept geändert, stand die Zeitung fortwährend am Rand des Bankrotts.

Noch bevor die 00 Ausgabe erschien, wurde am 31. Juli 1990 eine Vorab-Notnummer 1 herausgegeben. Der Magistrat hatte die Räu­mung des eine Woche vorher besetzten Hau­ses in der Oranienburger Str. 186 angewiesen, und die Volkspolizei' führte diese Räumung am 30. Juli durch. Damit wurde die angekündig­te »Berliner Linie" des Magistrats umgesetzt. Von nun an sollte jede Neubesetzung sofort geräumt werden. Die Notnummer diente zur Schaffung von Gegeninformationen zur bürger­lichen Presse und zur Mobilisierung für Gegen­aktionen und der ersten Hausbesetzerdemonstration in Ostberlin, die am Samstag darauf stattfand und zu der mehrere tausend Menschen kamen.

Die Schaffung dieser Hausbesetzerzeitung war eine unmittelbares Folge der Dis­kussionen der, einige Zeit vorher stattgefun­den, Hamburger Häuserkampftage und der Nachbereitungstreffen. Schon in dieser Phase war man sich nicht einig über die Ausrichtung der Zeitung und darüber, ob es eine feste Redaktion geben sollte. Es wurde sich geeinigt, daß die 00- und die 0-Nummer von einer festen Redaktion, und die weiteren Ausgaben rotie­rend von jeweils anderen besetzten Häusern getragen werden sollte. Über die Ausrichtung der Zeitung kristalliesierten sich zwei Vorstellungen heraus. Erstens: „...eine interne BesetzerInnen-Info-Zeitung als Forum zur Organisie­rung der Bewegung, zur Gewährleistung des Informatinsflusses, zur Selbstdarstellung und Auseinandersetzung...“, und zweitens: „...eine offene Häuserzeitung für die breite Masse, zur Darstellung und Veranschaulichung unserer Ideen und Lebensformen, zur Öffentlichkeitsarbeit im Allgemeinen..“

Fatalerweise wurde bereits zu dieser Zeit die erstere Variante favorisiert. Das wurde von einem Macher der 00-Nummer damit begründet, daß es „... im Augenblick effektiver, einfacher zu bewältigen und vor allem wichtiger ...“ wäre „... erst einmal eine Zeitung für uns zu machen..." Der extreme Dogmatismus und die Ignoranz, die sich weitestgehend in Desinteresse und Ablehnung eines beträchtlichen Teils der Hausbesetzer gegenüber der übrigen Bevölkerung Berlins Getto- und Einigelungspolitik der Westberliner Autonomen war, führte dazu, daß die BZ von Anfang an zur internen Vereinspostille degra­diert wurde, die sich im wesentlichen mit Haus­tratsch befaßte und sich oftmals in unendlichen, kleinkarieten Debatten verlor, die über Wochen kostbare Seiten verschwendeten und von nie­mandem gelesen wurden.

In Aufmachung und Inhalt ähnelte die BZ stark dem autonomen Verlautbarungsblatt „Interim" und es kam schon mal vor, das Artikel gleichzeitig in „BZ" und „Interim" erschienen und einige Wochen danach noch In der Antiimp-Zeitung „Radikal".

Noch kurz vor der 00-Nummer der BesetzerInnenzeitung (BZ) erschien eine Vorab-Notnummer
Noch kurz vor der 00-Nummer der BesetzerInnenzeitung (BZ) erschien eine "Vorab-Notnummer" als Reaktion auf die erste Räumung eines besetzten Hauses, unmittelbar nach der Verkündigung der sogenannten "Berliner Linie" des Ostberliner Magistrats.

Das Konzept der „Besetzerinnen-Zeitung" wurde den Lesern erstmals in der Nummer 1 vom 22.08.1990 kund getan: „...In dem Haus, das sich bereiterklärt hat, die Zei­tung zu machen, findet das offene Redaktions­treffen statt (jeweils Freitags, 20 Uhr). Das heißt, daß neben den -hoffentlich - vielen aus dem Haus auch noch andere, die z.B. die vorherige(n) Nummern gemacht haben, die Redaktion machen und einzelne Aufgaben über­nehmen. Wichtig ist, daß auch welche aus Häusern kommen, die zukünftig eine Nummer machen wollen, vor allem aber welche aus dem Haus, das die nächste Nummer macht. Die Redaktionsarbeit besteht hauptsächlich darin, die Artikel zu sichten (die sind im Briefkasten, Mainzer 5, abzuholen) und den Aufbau der Zeitung zu diskutieren. Darüber hinaus müßten sich welche bereit erklären, das B-Rat-Proto­koll vom darauffolgenden Montag zu schreiben sowie Termine zu sammeln. Das Layout, also die Druckvorlage zu erstellen, ist vielleicht 2-3 Sünden Arbeit. (...) Dann müßten sich noch 2 oder 3 bereit erklären, beim Druck mitzuhelfen. Das ist zwar schon mehr Arbeit (ca. 8 Stunden), macht aber doch Spaß - von wegen selbst­bestimmt arbeiten... Für die Verteilung gibt es mittlerweile einen festen Schlüssel, der in vier Bereiche gegliedert ist: Westberlin, Mitte, Prenzelberg und Friedrichshain. Innerhalb der einzelnen Bereiche geht öle Verteilung relativ schnell..."

Allerdings war es schon von Anfang an nicht sehr weit her mit dem Engagement der Besetzer. Zwar gingen die ersten Nummer weg wie warme Semmeln, jedoch mit dem Produzieren der Zeitung wollten nur wenige Häuser zu tun haben. Schon in der 0-Nummer finden sich erste Verstimmungen der Aktivisten: „Frustig ist es ja schon, wenn Mensch so denkt: Zeitung von uns für uns - ist schon geil. Müßte eigentlich jede/n interessieren.'- Und dann sitzt Mensch nach drei Wochen Zeitungsplenum nur noch mit einem Drittel der anfängliches begei­sterten Besetzerinnen an einem kleinen runden Tisch. (...) Alles ziemlich konfus, denn keine/r weiß, wie es weitergehen soll, wenn die näch­ste Nummer fertig ist..."

Gegen alle Befürchtungen lief es dann doch an wie geplant und die BZ erschien Woche für Woche ohne größere Probleme. Auf durch­schnittlich zwanzig bis dreißig Seiten stand alles, was den Besetzern in der vorherigen Woche teuer und in der nächsten Woche wich­tig schien. Ob es das B-Rat-Protokoll war, Vertragsverhandlungen, Selbstdarstellungen, Erklärungen, Frustgedanken, Feten oder Straßenfeste.

Jedoch sackte die Auflagenhöhe kon­tinuierlich bis kurz vor der Räumung der Main­zer Straße auf 800 Exemplare ab, um nach der Räumung kurzzeitig wieder auf 1000 zu steigen und dann rapide erst auf 700 und dann bis Anfang April 1991 auf 500 Exemplare abzusacken.

Am 16.01.91 erschien dann unter dem Titel „BZ in NOT" die erste Notausgabe mit gerade 6 Seiten „...Die Vertriebsstruktur der BZ liegt ziemlich danieder. Wir wissen nicht, wo wieviele Zeitungen verkauft werden bzw. in der Ecke liegen und vergammeln, geschweige denn, wo das Geld bleibt, das durch den Verkauf des einen oder anderen Exemplars eingenommen wurde. (...) Die Kohle von mindestens einem Viertel der Auflage müßte also zurückfließen, um Kosten zu decken. Da dies in der letzten Zeit nicht mehr klappt, halten wir es für notwendig, daß sich ein paar Menschen zusammensetzen, um den Vertrieb zu reorganisieren, und um auch festzustellen, wieviele BZ s tatsächlich gebraucht werden.“ 'Keine drei Monate leitet der nächste Hilferuf „Drucken heißt kämpfen" in einer weiteren achtseitigen Notausgabe das Ende ein: „...Die Situation tendiert in s Hoffnungs­lose. Falls Ihr bemerkt habt, gibt es seit 2 Wochen keine Häuser mehr, die Redaktion machen. Die Beiträge dieser BZ erreichen uns mehr zufällig. . Um noch einen Versuch zu starten schla­gen wir am Do 4.4. 18.00 Uhr in der Köpenicker 137 ein Treffen vor für die nächsten Redaktio­nen. Außerdem wäre es angesagt, über den Sinn und Zweck der BZ zu reden..."

Das waren bereits direkte Auswirkun­gen des Verfalls der Häuserszene. Nach der Räumung der Mainzer dividieren sich die Häu­ser zunehmend auseinander. Während einige Häuser in panikartigen Alleingängen alles un­terschreiben, was ihnen seitens der Vermieter vorgelegt wurde, versuchten andere im Boden zu versinken, um nicht aufzufallen und selbst Ziel von Räumungen zu werden. Wie bereits im ersten Teil (telegraph 9/95) beschrieben, ging ein beträchtlicher Teil der Häuser in Prenzlauer Berg und Mitte zu separaten Verhandlungen in den Stadtbezirken über. Das brachte die mei­sten Besetzer in Friedrichshain auf die Palme. Worte wie Verrat, Spaltung oder Revisionisten wurden laut. Auch das Haus in der Westberliner Marchstraße blies in dieses Horn. Nachdem Anfang 1991 dann die Verhandlungen abge­schlossen wurden, und der Schock über die Räumung der Mainzer Straße langsam ver­blaßte, schlief die Besetzerbewegung endgül­tig ein. In der Notnummer vom 4.41991 schrei­ben die Macher: „Der Verfall der Inhaltlichen Auseinandersetzung in dem Zentralorgan der Besetzerinnenbewegung ist der konkrete Spie­gel der Bewegung selbst..." . Die wenigen, üb­riggebliebenen BZ-Aktivisten resignierten.

Bereits in der Nummer 26 Anfang März 1991 schreiben sie ihre Resignation ins Editorial:

„Das Übliche...
wir sind müde...         (1/2 6 halt)
uns fehlen die Worte...
Vorworte...         (gähn)
uns fehlen EURE Worte, Ideen, Artikel...
allgemeine Sprachlosigkeit ??? jaja
Das übliche…

Zeitung aus der besetzten ZoneZeitung aus der besetzten Zone: der Versuch, das schwer leckgeschlagene Schiff "BZ" durch eine thematische Ost-Erweiterung wieder auf Kurs zu bringen.

erst Winterschlaf dann Frühlingsmüdigkeit...

Eine Zeitung, herausgegeben nur ein einziges' Mal, als Abschiedsgeschenk von mir an diese traurige Neue Linke, von dir und mir. Die ande­ren mögen ihre Zeitungen machen aus Pflicht­bewußtsein, aus Kommerzgründen, Profitsucht, protestantischer Ethik: wir warten auf eine Zeit in der Zeitungen wieder von unten entstehen, wachsen, Sprecher werden, authentische, des­sen, was sich wirklich tut in der Gesellschaft, Basisorgane, Zeitungen, in denen und mit de­nen sich Menschen verwirklichen und ausdrücken. Machen wir also dies, unser Blatt, den glücklichen Arbeitslosen, Jahrgang 1; Nummer 1, erste und letzte Ausgabe, und warten und arbeiten wir mit daran, daß wieder Zeiten kom­men, in denen wir - unter anderem- unsere Zeitungen machen, kollektiv. Wie Olle Charly sagte: morgens angeln, mittags vögeln, nach­mittags ein bißchen arbeiten, seis bei der Müll­abfuhr, im Gezeitenkraftwerk, in der Genossenschaftsbäckerei oder bei der Verwal­tung der Sachenwelt, abends komponieren oder ZEITUNGEN MACHEN....."

BZ 1b, Zeitung der besetzten Zone, ZZBZ - der lange Siechtot eine längst gestorbene Zeitung
Obwohl sich April 1991 die Besetzerzeitung 'eigentlich erledigt hatte und die letzte Ausga­ben krampfartig nur mit großen Abständen und niedrigem Niveau erschienen waren, versuchten die letzten Aktivisten eine Restaurierung der Zeitung mit neuem Konzept.

Am 15.05.1991 erschien die Nr. 1 des sogenannten Jahrgang 1b. Im Editorial wurde das Konzept der neuen BZ vorgestellt. Doch eigentlich war nicht sehr viel neu. Ab diesen Zeitpunkt gab es eine feste Redaktion, die die eingehende Texte layouten und zu einer Zeitung zusammenstellen sollte. Außerdem wollte man die Gruppen außerhalb Berlin erreichen und auch „Nichtbesetzerlnnen die Möglichkeit geben, an den Diskussionen teilzunehmen." Ab diesen Zeitpunkt war also das Konzept im Prinzip vollends identisch dem der „Interim".

Doch es ist immer so eine Sache mit sogenannten „Bewegungszeitungen", denen nicht so recht klar ist, wer sich da bewegt, oder denen ihre Bewegung schon längsten abhanden gekommen ist. Und so dümpelte die Zeitung gut zwei Jahre vor sich hin. Während die erste Ausgabe im Wesentlichen noch immer mit Hausbesetzungen, wenn auch im weitesten Sinne, zu tun hatte und ein großer Teil der Artikel selbst verfaßt wurde, glich die BZ Anfang 1993 einer scheinbar zufälligen Aneinanderreihung von Flugblättern, hauptsäch­lich zur Antifa. Das Thema Hausbesetzung um­faßte in der Regel zwischen zwei und vier Artikeln, die meist ans Ende der Zeitung gerückt wurden. Auch ließ, wie schon in der BZ zuvor, die Regelmäßigkeit des Erscheinen - sowieso bereits Vierzehntägig - sehr zu wünschen übrig.

Die Ausgabe Nr.41 vom 18.02.1993 leitet den zweiten Niedergang der BZ ein: „Nach­dem Ihr, nach dem unregelmäßigen Erschei­nen Ende letzten Jahres nun über vier Wochen gar nichts mehr von uns hörtet, seid ihr vielleicht schon selber drauf gekommen: wir debattieren untereinander mal wieder, ob und wenn ja wie wir die BZ weitermachen wollen und können. Auf der einen Seite haben wir etliche organisa­torische Schwierigkeiten, die die Arbeitsbela­stung für einzelne im Kollektiv (...) unangemes­sen steigert. Die deswegen einsetzende Dis­kussion förderte unter uns aber viel tiefer­liegende, grundsätzliche Probleme zu Tage. Einige von uns (...) fragen sich angesichts täglicher Erfahrungen und der von überall ein­treffenden Katastrophenmeldungen über den Zustand der „Szene" immer öfter und lauter, warum wir die BZ eigentlich noch machen und vor allem: für wen. Als wir darüber sprachen, fiel uns auf, das wir das eigentlich alle nicht so genau wissen. Wir verschicken zwar ungefähr 150 Exemplare in der ganzen Republik, wenige ins europäische Ausland und rund 350 verkau­fen wir in Berlin - der Rücklauf aber ist nach wie vor dürftig (...). Wir haben gelinde gesagt, keine Ahnung, wie das Heft, das wir machen, von den Leserinnen aufgenommen wird, ob sie es lesen oder ob es auf dem Klo landet...“

Und um eben hinter diese tiefgreifende Frage zu kommen, erschien in diesem Heft ein Fragebogen der alledem recht lustig gemacht auf den Grund gehen sollte. Das Ergebnis muß immerhin etwas Aufschluß gegeben haben, denn es wurde mit unguten Gefühlen mutig weiter BZ-tet. Die nächsten Nummer vom f 4.3.1993 wurde wieder einmal als Notnummer deklariert. Dieser Status wurde als bleibend benannt „... solange wir" mit der Diskussion über den Sinn „nicht zu einem Schluß gekommen sind...".

Zweite Zeitung der besetzten Zone (ZZBZ)Mit der "Zweite Zeitung der besetzten Zone (ZZBZ)" startete Mitte 1995 der letzte Versuch die Zeitung zu retten. Es blieb aber bei dieser ersten Nummer.

In der Nr. 43 vom 26.3.93 dann das Endergebnis der Diskussionen. „Dies ist die vorläufig letzte Notausgabe der BZ." Und doch war es wieder kein Ende sondern ein weiterer, völlig anderer Neuanfang, der eigentlich nichts mehr mit der Besetzerbewegung und mit dem Konzept ihrer Zeitung zu tun hatte.

Auf dem dritten, in Magdeburg stattge­funden Treffen ostdeutscher Gruppen wurde in einer Zeitungs-AG eine weiter Herzschritt­maschine für die BZ eingebaut. Unter dem Arbeitstitel: „Zeitung für die besetzten Gebiete", setzte sich eine neue Redaktionsgruppe mit Leuten „... aus den Städten Halle, Magdeburg, Guben, Saalfeld, Weimar, Rostock, Berlin, Potsdam, Stendal und Dessau sowie aus dem alten BZ-Kollektiv zusammen. (...) Die Zeitungs­radaktion wird Ex-DDR-weit sein. Wir hoffen, daß sich noch Leute aus anderen Städten an­schließen. (...) Die Erscheinungsweise ist mo­natlich, immer zu Beginn eines Monats. (...) Jede Ausgabe wird zunächst von Berlin und einer anderen Stadt zusammen gemacht. (...) Obwohl es uns an Geld fehlt, haben wir keine Lust, die bisherige Zahlungsmodalitäten zu än­dern, da das mit wesentlich mehr Arbeit verbun­den wäre; Deshalb hier noch einmal der Aufruf an alle Gruppen und Enzelmenschen: Erhöht eure Zahlungsmodi!!! (...) Inhaltlich soll ein Mix aus aktuellen Sachen und jeweils einem Schwerpunktthema pro Ausgabe entstehen. Aktuell es kommt grundsätzlich als Nachrichten­überblick, damit es nicht immer nur die übliche Flugblattsammlung gibt Die Schwerpunkte werden von allen beteiligten Städten gemein­sam festgelegt. Damit sich möglichst viele Leu­te an der Diskussion zu diesen Themen beteiligen können, werden sie zusammen mit den jeweiligen Redaktionsschlüssen immer recht­zeitig bekanntgegeben. (...)Außerdem einen Terminkalender für nichtkommerzielle Veranstaltungen, wie, Demos, Treffen, Konzer­ten, Feten, Voküs usw. geben..."

Doch auch dieser Versuch ging den Weg seiner Vorgänger. Mit dem Zusammen­bruch der Ostgruppenvernetzung im Frühjahr 1994 war die Zeitung wieder einmal ohne Rück­halt. Ohnehin bestand die Redaktion fast aus­schließlich aus Berlinern. Die Gruppen aus den übrigen Oststädten wurden ihrer anfänglich gegeben Zusagen nie richtig gerecht. Fast völ­lig auf sich gestellt, resignierte die Berliner Gruppe endgültig und gab auf. Ein allerletzter Rettungsversuch wurde im Juli/August von Halle aus unter dem Titel „zweite Zeitung der besetz­ten Zone" (ZZBZ) gestartet. Diese Zeitung im handlichen A5-Format sollte einen weiteren Ver­such eines überregionalen Ost-Infos darstel­len. Allerdings kam die „ZZBZ" meines Wissen nicht über diese eine Nummer hinaus und ver­schwand sang und klanglos in der Versenkung.

Aus telegraph, Nachdruck nur mit Genemigung des telegraph: telegraph@ostbuero.de

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